Kleine Geschichte der Potsdamer Straße
1200 – 1861: Die Ausfallstraße
Bereits 1200 ist die Potsdamer Straße als Handelsstraße
auf Karten ver-
zeichnet. 1791 wird sie aufgrund des starken Verkehrs als erste Kunst-
straße Preußens ausgebaut.
Dennoch herrscht hier vor den Toren Berlins noch ländliche Idylle.
Die in Kutschen anreisenden BesucherInnen aus Berlin erfrischen sich
in der Badeanstalt Am Carlsbade, spazieren im Botanischen Garten (heute
Heinrich-Kleist-Park) und vergnügen sich in Berlins erstem Sommertheater.
Bald lassen sich wohlhabende BürgerInnen, KünstlerInnen,
SchriftstellerInnen, Rentiers Gewerbetreibende und Handwerker im nördlichen
Abschnitt der Straße nieder. Sie haben nicht viel gemein mit der
ländlichen Bevölkerung, die zwei Kilometer weiter südlich
in Alt-Schöneberg (heute Kaiser-Wilhelm-Platz) ansässig sind.

Heinrich-Kleist-Park
1859 – 1920: Expansion
Die Gasbeleuchtung, die Schöneberg 1853/54 als erste Vorortgemeinde
Berlins erhält, verkündet die Industrialisierung und Expansion
Berlins. Der einsetzende Bauboom verändert das Quartier in rasantem
Tempo und schafft eklatante Gegensätze.
Entlang der Potsdamer Straße werden Luxusartikel in den Geschäften
der hochherrschaftlichen Gründerzeithäuser angeboten. Gleichzeitig
herrscht bitter Armut in der Hinterhofindustrie und den Mietkasernen
der Seitenstraßen.
Zu dieser Zeit strömen Menschen nach Berlin, um Arbeit, Glück
und Auskommen zu finden. „Schöneberg, die Stadt der Frauen“
titelt das Schöneberger Tageblatt im Juni 1909, denn die Zahl der
eintreffenden Frauen übersteigt die der Männer bei weitem.
Sie arbeiten als Mägde, Milchmädchen, Dienstmädchen.
Und sie verdingen sich als Animierdamen und Prostituierte in den unzähligen
Unterhaltungslokalen entlang der Bülowstraße.

Maggihaus (1911), Lützowstraße 102 -
104
1920 – 1945: Tanz auf dem Vulkan
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Potsdamer Straße
die verkehrsreichsten Straße Deutschlands. Sie zählt zu den
guten Geschäftsadresse Berlins und bebt vor Kultur und politischem
Leben.
Das freiheitliche Klima Berlins gibt der Frauen- und der Homosexuellenbewegung
Auftrieb. Der Salon der Frauenrechtlerin Hedwig Dohm nahe des Landwehrkanals
ist legendär. Der Klub Violetta am Dennewitzplatz hat bald 400
lesbische Mitglieder. Und im Topp-Keller in der Schwerinstraße
treffen Menschen aller Gesellschaftsschichten auf Homosexuelle, Lesben
und Prostituierte. Es gilt als schick, in der Halbwelt zu verkehren.
In diesem Ambiente florieren die modernen Künste. Die bildende
Kunst findet in Herwarth Waldens „Der Sturm“-Bewegung ein
Ausdrucksfeld. Im Begas-Winkel geben u.a. die Tänzerin Isadora
Duncan und der Verleger Samuel Fischer regelmäßige Stelldichein.
Im Kabarett „Silberne Punschterrine“ in der Pohlstraße
zelebrieren Käthe und Hans Hyan beißende Sozialkritik.
Doch Anfang der 30er Jahre zeigt sich im Umfeld des 1910 errichteten
Sportpalast, wie brüchig die Liberalität ist. Wiederholt kommt
es dort zu politischen Massenkundgebungen und blutigen Zusammenstößen.

Hochbunker aus dem 2. Weltkrieg, am Pallasseum
1945 – 1989: Sackgasse und Hochburg alternativen
Lebens
Den zweiten Weltkrieg überlebt die Potdamer Straße
als ein Schatten ihrer selbst. Mehr als die Hälfte der Gebäude
sind zerstört und der Mauerbau unterbricht den Bezug zur Stadtmitte.
Das Gebiet um die Bülowstrasse wird zum Sanierungsgebiet.
"Mehr Luft, Licht und Sonne" - diese anfänglichen Sanierungsziele
verdrehen sich bald in flächenmässigen Abriss und Vernichtung
billigen Wohnraums. Als verbale Proteste nichts fruchten besetzt die
linksalternative Szene 1981 über 30 Häuser zwischen Kurfürstenstraße
und Wittenbergplatz. Doch der Tod eines Demonstranten am 9. September
1981 schockt und schwächt die Bewegung.
Dennoch gelingt es, einen Teil wunderschönen Gründerzeitaltbauten
vor dem Abriss zu retten. Die Anwohnerschaft des Quartiers besteht jetzt
aus ArbeiterInnen, KünstlerInnen, Intellektuellen, Homosexuellen,
StudentInnen und MigrantInnen. Die Subkultur bürgt für Fasziniation.
Das Quartier Latin ist das Wohnzimmer der musikalischen Avantgarde,
Radio 100 und Rotbuch Verlag berichten alternativ und die Begine mitsamt
dem Kulturort Pelze sind gut in Frauenhand.
Nach der Mauer
Der Mauerfall 1989 katapultiert das Quartier entlang der Potsdamer
Straße wieder ins Stadtzentrum. Doch statt Aufschwung kommt Krise.
Schlagzeilen über Kriminaliät, Drogen und Prostitution bestimmen
die Berichterstattung.
Mit Hilfe des 1999 eingesetzten Quartiersmanagementverfahren kann der
Abwärtstrend aufgehalten werden und die Nachbarschaften gestärkt
werden. Zusätzlich knüpft das Mediennetzwerk °mstreet
Netze zwischen den fast 400 ansässigen Medienschaffenden. Die Magistrale
etabliert sich als ein in Berlin einmaliges Kunstevent und begünstigt
die Enstehung einer neuen Galerieszene.
Heute charakterisiert ein Konglomerat unterschiedlicher Nutzungen die
Potsdamer Straße. Die Bevölkerung ist ethnisch so gemischt
und lebendig wie die Welt. Das Quartier besticht nicht durch Schick,
es möchte erkundet werden. Und im zweiten Blick erblüht der
Charme der Potsdamer Straße.
|